MARKUSEVANGELIUM, KAPITEL 1

MARKUSEVANGELIUM, KAPITEL 1

Alex Blend

Vorlesungsskript der Lektion

Historisch hat es sich so ergeben, dass das Markusevangelium ein „wenig beanspruchtes“ Evangelium ist. Verschiedene Kommentatoren haben ihn „kurzen Markus“ genannt, und sogar „unbeholfenen Markus“ und „unverdaulichen Markus“. In der Tat, das Evangelium ist kurz, sehr kompakt und nach der Meinung vieler das früheste aller geschriebenen Evangelien.

Unter den synoptischen Evangelien (dazu gehören Matthäus, Markus und Lukas), ist es das am wenigsten eigenständig genutzte. Auf dieses beruft man sich in Parallelverweisen  in anderen Evangelien, aber für sich selber wird es sehr selten genutzt.

Deswegen möchte ich den Leser auf bestimmte Passagen von Markus aufmerksam machen, sowie auf die Herangehensweise, das Besondere des Materials und auf die wertvollen Stellen, die so bei keinem der anderen Evangelisten zu finden sind. Markus schreibt nicht einfach irgendeine Zusammenfassung. Es ist auch keine Kurzfassung der Ereignisse. Markus hat eine besondere Herangehensweise, redaktionelle Ideen, Hinweise an den Leser.

Wir versuchen, uns dieses Evangelium tiefer anzuschauen. Ich habe nicht vor, das ganze Evangelium zu kommentieren. Das hat wirklich keinen Sinn. Aber ich würde doch sehr gerne dem Leser individuelle Fragmente des Evangeliums zeigen.

„Anfang des Evangeliums von Jesus Christus dem Sohn Gottes“. (Mk. 1,1)

Zuallererst habe ich meine Aufmerksamkeit auf das Johannesevangelium gerichtet, das wie folgt anfängt:

„Am Anfang war das Wort…“ (Joh.1,1)

Darin sehen viele Kommentatoren sofort einen Hinweis auf das Buch Bereschit (1. Buch Mose). Jüdische Quellen sprechen davon, dass Johannes den Anfang wie einen Midrasch aufbaut, die Parallele zum Buch Bereschit.

Bei Markus fängt das Evangelium auch mit dem Wort „Anfang“ an. Aber in der Regel ist es schwer, Kommentatoren zu finden, die diesen „Anfang“ mit dem Buch Bereschit in Verbindung bringen. Und doch verweist Markus, wie ich glaube, auf das Buch Bereschit, um zu zeigen, dass hier die Rede über globale Ereignisse ist, die eigentlich nicht hier angefangen haben. Ich meine, dass Markus deshalb sein Evangelium beginnend schreibt: „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus dem Sohn Gottes“, als eine Art Midrasch auf das 1. Buch Mose.

Wenn man annimmt, dass das Markusevangelium das früheste ist, so wird das Wort Evangelium hier zum allerersten Mal genutzt. Wir sollten uns, von dieser Tatsache ausgehend, das Wort „Evangelium“ genauer ansehen. Traditionell wird das Wort als „Gute Nachricht“ übersetzt.  Die hebräische Übersetzung lautet: „Bessora“ und kann gute und schlechteNachricht bedeuten. Es ist mit dem Wort „bassar“ verbunden, das „existent werden“ bedeutet. Heute wird das Wort nur noch zum Beschreiben des Lebens Jeschua‘s verwendet oder in den Apokryphen und kanonischen Schriften. Es hat sogar aufgehört, „gute Nachricht“ zu bedeuten, obwohl wir sehen können, dass das Wort im Griechischen ursprünglich eine wenig andere Bedeutung hatte.

Als Beispiel kann man Plutarch‘s (45-120 n. Chr.) „Parallele Lebensbeschreibungen“ anführen. Er schreibt, dass Sertorius, nachdem er eine gute Nachricht vom Sieg einer seiner Heerführer hörte, keinem vom Ankommen des Boten erzählte, sondern eine Gämse, mit Kränzen geschmückt, als Zeichen der guten Nachricht, herausführte. Er befahl, sich zu freuen und den Göttern zu opfern, behauptend, dass bald alle von einem sehr glücklichen Ereignis hören würden. Diese Gämse, mit Kränzen geschmückt als Zeichen guter Nachrichten, dass dann dem Boten als Belohnung, Geschenk für die gute Nachricht gegeben wurde, ist bei Plutarch das „Evangelium“. Merken wir uns, dass es nicht einfach nur die „gute Nachricht“ ist. Es ist auch die Belohnung für die „gute Nachricht“.

Wenn wir noch ältere Quellen anschauen, so heißen bei Diodor von Sizilien selbst die Opfergaben „Evangelium“, die den Göttern aus Dankbarkeit für eine gute Nachricht gebracht werden.

„Evangelium“ ist eine Auszeichnung oder ein Opfer für eine gute Nachricht, gute Ereignisse. Und wenn wir versuchen, es in die Sprache hebräischer Terminologie zu übersetzen, dann ist es ein „Dankesopfer“ nicht nur einfach die „Gute Nachricht“. Merken wir es uns.

Markus schreibt weiter „Evangelium Jesu Christi“. Dass sind drei Worte, die man auf zwei verschiedene Weisen verstehen kann. Es scheint, ein so einfacher Abschnitt zu sein, aber man kann ihn verstehen als „die gute Nachricht, die Jeschua brachte“ oder „die gute Nachricht über Jeschua“. Grammatikalisch sind beide Varianten richtig. Es mag sein, dass Markus, als er dies schrieb, diese Tatsache auch mit ausdrücken wollte. Jeschua selbst ist das „Evangelium“. Und das „Evangelium“ ist über ihn, und er selber ist das „Evangelium“, er, der die Befreiung für alles ist.

In manchen Handschriften fehlt das Ende des ersten Verses, fehlt der Zusatz: „Sohn Gottes“. Die Textologie (Wissenschaft über die Wiederherstellung des Urtextes des Neuen Testaments) neigt dazu, anzunehmen, dass diese Worte im Ursprungstext des Evangeliums standen. Also lautet der ganze Text wie folgt:

Anfang des Evangeliums Jesu Christi, Sohnes Gottes“

Wir können also zwei Dinge festhalten: Erstens, es gibt eine Parallele zum Buch Bereschit, und zweitens, die breite Bedeutung des Wortes „Evangelium“.
Markus spricht hier von der langersehnten Nachricht des Opfers
Maschiach Jeschua‘s, des Sohnes Gottes, das seit der Grundlegung der Welt existierte. Markus sagt somit, dass der Anfang und die Grundlage der Schöpfung das Opfer Jeschua‘s war.

Im Midrasch sehen wir des Öfteren ein Verständnis, dass der Allmächtige Asche vom Altar zur Erschaffung des Menschen mit den Worten nimmt: „So erschaffe ICH ihn vom Altar, in der Hoffnung darauf, dass der Mensch bestehen wird“.

Markus spricht vom Wert und der Bedeutung des Opfers in der Geschichte der Menschheit und davon, dass der Evangeliumstext im weiteren Verlauf davon berichten wird, dass im Maschiach Jeschua das Opfer vollständig erfüllt ist.

Prüfung in der Wüste (Mk. 1,12-13)

Wir überspringen einen großen Abschnitt im 1. Kapitel und sprechen über eine Besonderheit, eine sehr ungewöhnliche Beschreibung, die es nur bei Markus gibt.
Es ist die Beschreibung der Prüfung Jeschua‘s in der Wüste.
Fragen wir jemanden, wie Jeschua in der Wüste geprüft wurde, geht es in der Regel um die Beschreibungen im Matthäus- oder Lukasevangelium darüber, dass Jeschua 40 Tage in der Wüste war und fastete, ihn am 40. Tag dürstete und Satan an ihn herantrat, um ihn zu prüfen. Bei Markus lesen wir eine absolut andere Beschreibung (Mk. 1,12-13):

12 Und sogleich treibt ihn der Geist in die Wüste hinaus.
13 Und er war 40 Tage dort in der Wüste und wurde von dem Satan versucht; und er war bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm. (Schlachter)
Das ist alles was Markus über die Versuchung Jeschua‘s schreibt. Erstens sehen wir hier, dass Markus nichts über das Fasten Jeschua‘s schreibt, nichts davon, dass Jeschua diese vierzig Tage nichts gegessen hat. Markus sagt, dass eine Versuchung innerhalb dieser vierzig Tage war, er spricht davon, dass Jeschua mit den Tieren war und die Engel ihm dienten. Diese Aussage treffen wir auch bei den Synoptikern, aber da ist es mit dem Ende der Prüfung verbunden. Bei Markus ist die Rede von der ganzen Zeit der Prüfung. Die Beschreibung von Markus ähnelt überhaupt nicht denen von Matthäus und Lukas. Womit können wir diese Beschreibung vergleichen? Sie ähnelt dem, wie die hebräische Tradition Adam im Garten Eden sieht.

In der Tat ist Adam mit den Tieren zusammen. Er hat keine Angst vor ihnen, sie ordnen sich ihm unter. Er gibt ihnen Namen und offenbart ihr Wesen. Engel dienten Adam. Entgegen dem direkten Verständnis der Thora, erzählen Midraschim, dass Engel für Adam Schaschlik grillten und ihm Wein eingossen. Natürlich ist das nur eine Hyperbel, dennoch dienten die Engel dem Adam im Garten Eden. Und was machte der Satan? Er versuchte Adam durch Eva zu verführen. Hier hat Markus eine Antiparallele zu dem, was bei Adam passierte. Adam war tatsächlich im Garten, hier aber wird die Situation dadurch verstärkt, dass alles in der Wüste passierte. Trotzdem war diese Parallele für den jüdischen Leser des 1. Jahrhunderts wahrscheinlich offensichtlich. Die Rede ist davon, dass Jeschua den Versuchungen widerstanden hat, denen Adam nicht widerstand.

Können wir die Fakten der Synoptiker gegenüberstellen? Markus schreibt nichts, was den synoptischen Evangelien widerspricht. Markus schafft die Komposition so, um Akzente für seine Leser verständlich zu setzen. Er möchte zeigen, dass diese Versuchungen denen ähnlich sind, die Adam durchlebt hat. Nachdem Jeschua die Versuchungen Adams durchstanden hat, hatte er das Recht, „der wiederhergestellte Adam“ genannt zu werden. Nicht nur seinem Wesen nach, sondern auch weil er alle Wahrheit erfüllte, wie er selber in einem anderen Evangelium sagte.

Der die Macht hat (Mk.1,22)

Noch eine Stelle im ersten Kapitel, über die ich sprechen möchte. Es ist keine besondere Stelle im Markusevangelium. Es steht auch in den anderen Evangelien: Die Menschen wunderten sich darüber, dass Jeschua nicht wie die Schriftgelehrten und Pharisäer lehrte, sondern wie ein Mensch, der Kraft hat, wie ein Mensch, der Vollmacht hat.

Mit wem und wie konnten Galiläer Jeschua vergleichen? Streng genommen waren die Galiläer ein einfaches Volk, keine großen Spezialisten in der Rhetorik oder im Unterrichten der Thora. Aber sie waren konfrontiert mit den Tonlagen der römischen Hauptleute und Soldaten, römischer Könige und deren Vertreter, sowie mit Pharisäern.
Im Gegensatz zu den Pharisäern sprach Jeschua wie einer, dem die staatliche und königliche Vollmacht gegeben wurde. Das bedeutete, dass er mit einer großen inneren Kraft redete, so, als hätte er die Kraft und Macht, das Gesetz aufzustellen, dessen sich die Pharisäer zu der Zeit immer mehr beraubten, als Jeschua in Galiläa war.

Das wichtigste aber ist: Meistens, wenn Rabbiner die Thora unterrichteten, wandten sie sich immer an die Tradition der Überlieferung, indem sie sich immer auf ihre Lehrer beriefen. Jeschua aber redete so, als hätte er, wie Mose, das Wissen direkt aus dem Mund der Gwura (Kraft, das ist einer der Namen Gottes), bekommen.

Reinigung des Aussätzigen (Mk. 1, 40-45)

Die letzte Stelle im ersten Kapitel, über die ich reden möchte, ist das Ende des Kapitels, angefangen vom vierzigsten Vers:

40 Und es kam ein Aussätziger zu ihm, bat ihn, fiel vor ihm auf die Knie und sprach zu ihm: Wenn du willst, kannst du mich reinigen!
41 Da erbarmte sich Jesus über ihn, streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will; sei gereinigt!
42 Und während er redete, wich der Aussatz sogleich von ihm, und er wurde rein.
43 Und er ermahnte ihn ernstlich und schickte ihn sogleich fort
44 und sprach zu ihm: Hab acht, sage niemand etwas; sondern geh hin, zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose befohlen hat, ihnen zum Zeugnis!

Jeschua sagte, dass der Mensch zu einem Priester gehen sollte, weil nach der Thora nur der Priester offiziell die Reinigung vom Aussatz bestätigen kann. Danach musste er sich in der Mikwa reinigen und ein Opfer zum Zeugnis der Reinigung für die Priester erbringen. Und außerdem befahl Jeschua dem Geheilten, nichts über ihn zu sagen. Hier entsteht eine Situation, die sowohl tragisch als auch komisch ist.

45 Er aber ging und fing an, es vielfach zu verkündigen, und die Sache breitete überall aus, sodass Jesus nicht mehr öffentlich in eine Stadt hineingehen konnte, sondern er war draußen an einsamen Orten; und sie kamen von allen Seiten zu ihm.

Der Aussätzige in seiner Unreinheit sollte außerhalb des Lagers sein, sollte schreien: „Unrein! Unrein!“, um die Menschen zu warnen, sich ihm nicht zu nähern, und konnte nicht in die Stadt gehen. Das Ergebnis dieser Heilung war, dass Jeschua und der Aussätzige die Plätze getauscht haben. Der Aussätzige konnte nun in die Stadt gehen und verkünden, wie wundervoll er geheilt wurde. Ich weiß nicht, was er noch verkündete, aber Jeschua konnte offenbar nicht mehr in die Stadt (warum nicht – das ist eine andere Frage, da er ja auch vorher heilte), da er den Aussätzigen berührte und nach dem Gesetz unrein blieb, bis derjenige sich gereinigt hatte. Jeschua ist an die Stelle des Aussätzigen getreten, außerhalb des Lagers. Es ist nicht einfach eine Geschichte, nicht einfach eine Ironie, es ist ein allgemeiner Hinweis auf das Schicksal des Maschiachs, zu sein außerhalb des Lagers. Der Geheilte geht aber vorwärts bezeugend und eigentlich nichts bereuend.

Wir wissen das Mose am Anfang seiner Berufung, als er dem Allmächtigen nicht glaubte, als er anfing davon zu reden, dass Israeliten ihm nicht glauben werden, mit Aussatz befallen wurde. Der Allmächtige sagte zu ihm, er solle seine Hand in den Busen stecken. Als er sie wieder herauszog, war sie mit Aussatz befallen. Die Tradition sagt, dass es eine Strafe für den Unglauben an das jüdische Volk steht, für eine böse Zunge. Traditionell ist der Aussatz mit der bösen Zunge verbunden, mit bösen Reden, auch hier sehen wir, dass bei dem Menschen, den Jeschua heilte, mit dem Reden nicht alles in Ordnung war. Aber Markus zog hier eine Parallele zwischen Jeschua und Mose.

Und noch eine Parallele. Traditionell wird Maschiach „Mezora“ — Aussätziger genannt, durch seine Wunden wir geheilt sind (Jes. 53). Maschiach‘s Haus wird — „beit mezora“ genannt („Haus des Aussätzigen“), weil er den Aussatz des Volkes Israels auf sich trägt.

So wie das Beispiel dieser Heilung hier beschrieben wird, zeigt uns Markus den Aussatz des Maschiachs. Auf diese Weise erwähnt Markus mit Hinweisen und sehr stichwortartig das, was seiner Meinung nach sein jüdischer Leser wissen muss. Er schreibt es nicht so umfangreich, wie Matthäus es tut. Und doch stehen alle diese Verbindungen bei Markus.

Wenn wir uns weitere Fragmente des Markusevangeliums anschauen, werden wir genau über die hebräischen Aspekte sprechen, über die Dinge, die nach der Meinung von Markus der Leser des ersten Jahrhunderts natürlicherweise verstanden hat. Aber der heutige Leser, insbesondere ohne jüdischen Blickwinkel, kann es nicht ohne weiteres verstehen.

Wir haben die Fragmente des 1. Kapitels, die wir uns anschauen wollten, abgeschlossen.

Mit Euch war Alexander Blend. Danke Ihnen, dass Sie mit mir waren.

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