Natan Sharansky zum Holocaust-Gedenktag: Der Holocaust war nicht nur in Auschwitz

Natan Sharansky zum Holocaust-Gedenktag: Der Holocaust war nicht nur in Auschwitz

Denkmal für Kinder, die in Babi Yar erschossen wurden. Foto Сарапулов

Am Internationalen Holocaust-Gedenktag bekräftigen weltweit Einzelpersonen, Führungspersönlichkeiten und Gemeinschaften ihre Bereitschaft, die Erinnerung an die Opfer der dunkelsten Stunde der Menschheitsgeschichte zu ehren.

von Natan Sharansky

Doch während die Welt sich verneigt, um des Holocausts zu gedenken, erinnert sie sich oft an seine Opfer als ein Kollektiv. Der Tag, an dem wir der Opfer gedenken, der 27. Januar, markiert die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, das ultimative Symbol des Naziterrors. Aber nicht alle Holocaust-Opfer wurden in Konzentrationslager geschickt. Weit gefehlt. Es ist an der Zeit, die allumfassende Geschichte des Holocausts zu erzählen.

Hinter der monströsen Zahl von „sechs Millionen Opfern“ stehen sechs Millionen individuelle Lebensgeschichten. Dem Holocaust zu gedenken, bedeutet, sich an jede und jeden Einzelnen zu erinnern. Wir sind verpflichtet, so viele Geschichten wie möglich zu erzählen, aber leider bleiben zu viele von ihnen unbekannt.

Wie viele Lebensgeschichten werden wir nach dem Massaker in der ukrainischen Schlucht Babyn Jar nie erfahren? Innerhalb von zwei Tagen ermordeten die Nazis brutal 33.771 jüdische Männer, Frauen und Kinder. Bis zum Ende des Krieges ermordeten sie 100.000 Menschen, darunter auch Ukrainer und Romas.

Das Massaker von Babyn Jar zerstörte die jüdische Gemeinde in Kiew. Die Juden von Riga, Minsk und Vilnius erfuhren das gleiche tragische Schicksal – ermordet in Schluchten. Etwa 1,5 Millionen Juden verloren auf diese Weise ihr Leben.

Dieses zentrale Kapitel der „Endlösung“ der Nazis ist noch weitgehend unbekannt. Wie ich aus bitterer Erfahrung weiss, hat das sowjetische Regime nach dem Zweiten Weltkrieg alles getan, um die jüdische Identität und die Erinnerung an den Holocaust aus dem kollektiven Gedächtnis zu löschen.

Die Aussage von Wachtmeister Boris Drachenfels-Kaljuveri, des Polizeibataillons „Ostland“, bei der Verhandlung des Falles Nr. 1679 „Über die Gräueltaten der faschistischen Eindringlinge auf dem Gebiet der Ukrainischen SSR“. Kiew, 22. Januar 1946. Video Babyn Yar Holocaust Memorial Center

Die sowjetische Weltanschauung lehnte jede nationale, ethnische und religiöse Zugehörigkeit ab. Und so bezeichneten sie das Massaker von Babyn Jar als ein Verbrechen gegen das sowjetische Volk und begruben buchstäblich die Wahrheit, indem sie Autobahnen, Wohnhäuser und sogar ein Stadion auf Europas grösstem Massengrab bauten. Sie versuchten sogar, das Gebiet in eine Mülldeponie zu verwandeln.

Auch wenn die Ukraine als unabhängiges Land versucht, dieses Unrecht wiedergutzumachen, ist Babyn Jar weiterhin aus der historischen Erzählung ausgeklammert. Eine kürzlich vom Interdisziplinären Zentrum Herzliya durchgeführte Umfrage ergab, dass nur ein Drittel der Israelis im Alter von 18-29 Jahren weiss, dass das Massaker während des Holocausts stattfand; 75 % der Befragten in Israel gaben an, dass sie das Gefühl haben, dass die Erinnerung an den Holocaust verblasst.

Die Zeit ist gekommen, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Uns läuft die Zeit davon, denn das Gedenken an den Holocaust wird immer schwieriger, da die Zahl der Holocaust-Überlebenden, die das unvergleichliche Böse miterlebt haben, jedes Jahr abnimmt.

Glücklicherweise werden erhebliche Anstrengungen unternommen, um sicherzustellen, dass die Opfer von Babyn Jar und anderen Schluchten in Osteuropa in die Geschichtsbücher aufgenommen werden.

In der Holocaust-Gedenkstätte Babyn Jar, deren Aufsichtsrat ich vorstehe, wird ein erstklassiges Museum eingerichtet. Virtuelle Geschichts- und Bildungsprojekte sind bereits in Arbeit. Es wurden neue Namen von Opfern veröffentlicht und Details aus ihrem Leben aufgearbeitet. Bisher unbekannte Geschichten von Ukrainern, die halfen, das Leben ihrer jüdischen Nachbarn zu retten, wurden bekannt.

Der Internationale Holocaust-Gedenktag ist eine Gelegenheit, abzuwägen, wie wir uns an den unvorstellbaren Abstieg der Menschheit zum Bösen erinnern. Wir alle auf der ganzen Welt geloben „Nie wieder“, und wir meinen es auch so.

Wenn wir jedoch die Erinnerung an den Holocaust wirklich lebendig halten wollen, müssen wir zuerst unsere Geschichte kennen. Es beginnt mit dem Verständnis, dass der Holocaust nicht in Auschwitz begann und endete. Es gibt noch unzählige andere Berichte über den Holocaust zu erzählen. Jetzt ist es an der Zeit, sie alle zu bewahren und nachzuerzählen.

Natan Sharansky ist ein ehemaliger sowjetischer Dissident, israelischer Politiker, Menschenrechtsaktivist und ehemaliger Vorsitzender der Jewish Agency. Auf Englisch zuerst erschienen in Israel Hayom. Übersetzung Audiatur-Online.

https://www.audiatur-online.ch/2021/01/27/natan-sharansky-zum-holocaust-

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