Eher evangelikal als jüdisch – “Messianisches Judentum” in Israel

Eher evangelikal als jüdisch – “Messianisches Judentum” in Israel

 

Das Phänomen hat mich vom ersten Augenblick an elektrisiert, seit ich ihm auf einer Israelreise vor vielen Jahren zufällig begegnet bin. Seit ich in Israel lebe, versuche ich dieser Spur zu folgen und das Phänomen genauer unter die Lupe zu nehmen.
Messianische Juden im Land Israel haben im Unterschied zu Deutschland und anderswo tatsächlich die Chance, jüdisch zu bleiben, auch wenn sie an Jesus als Messias glauben, und das heißt jüdisch zu leben. In Israel wären sie besser vor einer das Judentum auflösenden Assimilation geschützt. Sie könnten z. B ungeniert Kippa und Kopftuch tragen, den Sabbat und die jüdischen Feiertage halten, koscher essen und ihre neugeborenen Söhne rituell beschneiden. Judentum würde durch den Glauben an Jesus als Messias nicht zerstört, sondern bewahrt und würde (in einer modifizierten Weise) an Kinder und Enkel weitergegeben.
Auf einmal gäbe es wieder, was seit dem zweiten (oder dritten) Jahrhundert verschwunden ist: jüdisch lebende Gruppen, die an den Messias Jesus glauben und ihr Judentum an die nächsten Generationen weitergeben und die sich damit deutlich von allen Kirchen unterscheiden würden. Ein aufregender Gedanke. Eine neue zukunftsweisende Perspektive. Eine echte Herausforderung für die christliche Theologie.
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Wohl gemerkt: Messianische Juden sind keine Judenchristen. Diese bezeichnen allenfalls ihre Herkunft als jüdisch, haben aber längst aufgehört, jüdisch zu leben. Durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart hat es das immer gegeben: einzelne Juden, die zum Glauben an den Messias Jesus gekommen sind. Immer mussten sie aufhören, jüdisch zu leben, und sich stattdessen den Lebensgewohnheiten ihrer nichtjüdischen Mitchristen anpassen. Sie hatten ja auch keinen anderen Ort als die Völkerkirche, die sich mehr und mehr von ihren jüdischen Wurzeln gelöst hatte. So geht die Erinnerung getaufter Juden an ihre jüdischen Wurzeln spätestens mit der zweiten oder dritten Generation verloren.
Die Taufe von Juden war ursprünglich nichts anderes als die Einverleibung in den Machtbereich des Messias. Später wurde sie zum Übertritt von einer Religion zur anderen, was sie für Nichtjuden immer schon war. Sie konvertierten mit ihrer Taufe, ließen ihr Judentum als Lebenspraxis hinter sich, verließen damit die Gemeinschaft des Judentums und wurden Christen.
Eine Religion wie das Judentum, die in der Lebenspraxis sichtbar wird und die keine Mission treibt, muss jede Taufe als Verrat und Angriff verstehen. Man muss nicht gleich so weit gehen, wie Rabbiner Nathan Peter Levinson, der seinerzeit von Judenmission als „Holocaust mit anderen Mitteln“ sprach. Andere formulieren weniger drastisch aber treffend: „Judenmission hat immer ganz freundlich angefangen, aber am Ende blieb nur zerstörtes Judentum.“
Messianische Juden zerstören in ihrer eigenen Sichtweise nicht ihr Judentum. Sie könnten wie einst im Neuen Testament praktizierende Juden bleiben und als solche an den Messias Jesus glauben. Sie wären eine Gruppe im bunten vielgestaltigen Judentum der Gegenwart. Sie müssten weder Teil einer vorhandenen Kirche noch eine neue Kirche werden. Ein einzigartiges Glied im Leib des Messias. Ihre Sonderexistenz machte sie höchst interessant und zu einer echten theologischen Herausforderung. Für die jüdische wie die christliche Seite.
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Um es gleich vorweg zu sagen: die theologische Herausforderung habe ich dreieinhalb Jahre lang in Israel vergeblich gesucht. Gefunden habe ich bei meiner Suche (fast) immer nur Judenchristen. Menschen mit jüdischer Vergangenheit, an die allenfalls ein paar Accessoires erinnern.
Schon die Gottesdienste sind eine einzige große Enttäuschung. Dass sie in Israel am Sabbat stattfinden, sagt gar nichts. Das tun auch christliche, denn es ist der in diesem Land freie Tag. Ich hatte beim ersten Mal wie immer, wenn ich zum jüdischen Gottesdienst gehe, meine Kippa eingesteckt. Aber wenn ich sie aufgesetzt hätte, wäre ich mir overdressed vorgekommen. Bis auf einige wenige trug hier niemand Kippa.
In Haifa hatte die Gemeinde Geld genug, um eine aufwendige neue „Kehila“ zu bauen. Ich hatte Mühe, sie beim ersten Mal zu finden. Ich musste mich durchfragen, aber niemand konnte mir helfen, wenn ich nach der „Kehila“ oder der „Messianischen Gemeinschaft“ oder den „Messianischen Juden“ fragte, bis einer plötzlich zurückfragte: „Meinen Sie die Evangelikale Kirche?“. Ja, so sah sie auch aus. Von außen und innen. Ob in diesem pompösen Neubau oder in der schlichten Fabrikhalle in Kirjat Jam oder Akko oder in einem großen Wohnzimmer in Jerusalem, immer hatte ich den Eindruck in einer evangelikalen charismatischen Versammlung nordamerikanischer Fundamentalisten gelandet zu sein.


Die erste Stunde besteht aus „worshiping“, endlosen Gesängen inhaltsleerer Texte, von einer kleinen Band musikalisch begleitet. Der einzige Unterschied zu Amerika ist, dass auf Hebräisch gesungen wird. Ekstatische Rufe, Gesten und Tänze einzelner begleiten das worshiping ebenso wie das Schwingen von Fahnen und Reigentänze nicht mehr ganz junger barfüßiger Damen in fast durchsichtigen Gewändern.
Später bekommen einzelne Gelegenheit, von ihren spirituellen Erfahrungen zu erzählen. Freie Gebete, Segnungen mit Handauflegung schließen sich an. Die Predigt ist selten textbezogen und oft eher ein Vortrag über religiöse Inhalte. Einmal wurde ich Zeuge einer flammenden Anklage der israelischen Gesellschaft wegen ihrer liberalen Abtreibungspraxis. Ein anderes Mal predigte der Gemeindegründer über die Liebe und erzählte über vierzig Minuten von seiner nun schon über vierzig Jahre währenden überaus glücklichen Ehe; dazu zeigte er Lichtbilder von sich und seiner attraktiven jungen Frau als Hippies in einer Landkommune Kaliforniens.
Dass sie Juden sind, wird daran deutlich, dass sie irgendwo eine Menora aufgestellt, vielleicht auch die Namen der zwölf Stämme samt ihrer Symbole ausgestellt haben und hin und wieder den Shofar blasen. Und natürlich haben sie auch eine Tora-Rolle in einem Schrank, aus der aber nicht in jedem Gottesdienst vorgelesen wird. Das alles kann man auch in christlichen Gemeinden in Deutschland finden, die eine besondere Liebe zum Judentum entwickelt haben.
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Die Zusammensetzung der Gemeinden wird schon daran deutlich, dass sie meist dreisprachig sind. Neben Hebräisch wird englisch und russisch gesprochen (in den wohlhabenden Gemeinden mit Synchronübersetzungen). Ganz selten findet man „echte“ Israeli. Der eine Teil kommt aus den Staaten oder Kanada und ist meist schon als „Juden für Jesus“ eingewandert. Der andere Teil sind Russen (oder Osteuropäer), meist Frauen zwischen vierzig und sechzig, die zwar über das jüdische Ticket israelische Staatsbürger geworden sind, aber ohne jüdische Sozialisierung aufgewachsen sind. Wie die russischen Juden in Deutschland kommen sie oft als religiöse Analphabeten ins Land. Hat die „russische Seele“ eine größere Affinität zum Christentum und seiner Spiritualität als zum Judentum? Viele von diesen „Juden aus Russland“ landen nämlich auch in den verschiedenen orthodoxen oder katholischen Kirchen in Israel.
Unter den Amerikanern begegnet mir bei aller Vielfalt eine ähnliche Struktur ihrer Biographien. In Amerika säkular oder liberal aufgewachsen, treffen sie irgendwann evangelikale Christen, bekehren sich, werden „gläubig“, lassen sich taufen und werden Mitglieder einer evangelikalen Gemeinde. Später entdecken sie als evangelikale Christen ihre jüdische Herkunft und gewichten sie neu. Sie schließen sich mit Menschen ähnlicher Biographie als „Juden für Jesus“ zusammen. Dann wandern sie nach Israel aus, verschweigen bei der Einreise ihre christliche Identität, um Staatsbürger Israels werden zu können, und gründen dann zusammen mit Gleichgesinnten messianisch-jüdische Gemeinden, die Mission treiben. Diese ist vor allem unter den Einwanderern aus Russland erfolgreich.


Wie in Deutschland betreiben sie eine umfangreiche Sozialarbeit vor allem für die Neu-Einwanderer. Altkleider und Lebensmittelpakete werden verschenkt; Hilfen bei Behördengängen und bei Schwierigkeiten mit der israelischen Bürokratie gehören ebenso dazu wie Dolmetscherdienste und eine Schwangerschaftsberatung mit dem Ziel, Abtreibungen zu verhindern. Ist das „Mission mit unlauteren Mitteln“, die in Israel verboten ist? Die messianischen Gemeinden bemühen sich, dieses Gesetz nicht zu verletzen.
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Die Römisch-katholische Kirche hat Gemeinden „hebräisch sprechender Katholiken“ in Israel. Wer Jude ist und an den Messias Jesus glaubt, wird Mitglied dieser Kirche. Punkt. Für die Römische Kirche sind messianische Juden Judenchristen, nämlich hebräisch sprechende Katholiken. Wer als Jude das Christentum in seiner evangelikalen Spielart kennenlernt, wird evangelikaler Christ. Evangelikale Gemeinden sind unabhängig. Es steht ihnen frei, sich „messianisch“ zu nennen. Aber sie bleiben nicht jüdischer als hebräisch sprechende Katholiken oder Orthodoxe.
„Messianisches Judentum“ ist ein irreführendes Etikett. „Gläubig“ zu sein ist wichtiger als jüdisch zu sein. Und „gläubig“ meint, ein persönliches Verhältnis zu Jesus haben, wiedergeboren sein, bekehrt sein. Christsein in evangelikaler Spielart.
Evangelikale aus Deutschland oder den Niederlanden, mit denen ich bei meiner Arbeit viel zu tun habe, haben eine besondere Liebe zu diesen Gemeinden und ihren Gottesdiensten, weil sie sich dort „zuhause“ fühlen. Die ihnen vertrauten amerikanischen Songs auf Hebräisch zu singen, hat einen reizvollen Verfremdungseffekt und fördert ihre Sprachkenntnisse. Für sie sind es hebräisch sprechende evangelikale Christen. Mit dem Begriff „Messianische Juden“ können sie oft gar nichts anfangen. Nichtjüdische evangelikale Christen aus Europa oder Amerika können auch formell Mitglieder werden. Auch das zeigt, dass es in Wahrheit judenchristliche Gemeinden mit nichtjüdischer Minderheit sind.
Dass ihre Identität als „Gläubige“ stärker ist als ihre jüdische Identität, zeigen auch ihre wachsenden Kontakte und Kooperationen mit den anderen „Gläubigen“ im Land, den evangelikalen Palästinensern. Auf der evangelikalen palästinensischen Konferenz „Christus am Kontrollpunkt“ hießen sie schlicht „die messianischen Christen“. Auch institutionell haben sich palästinensische Evangelikale mit messianischen Juden zusammengeschlossen, z. B. zu „Musalaha – Dienst der Versöhnung“. Dort leisten sie einerseits eine bewundernswerte politische Versöhnungsarbeit zwischen Juden und Palästinensern, andererseits aber treiben sie eine offensive Mission unter Juden.
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Judenmission war in der Vergangenheit Ausdruck des verhängnisvollen Überlegenheitsgefühls der Christen, das am Ende zum Holocaust geführt hat: „Wir wissen mehr als die Juden, wir wissen es besser. Wir kennen ihren Messias. Deshalb haben wir die Aufgabe, Juden zu belehren, sie zu bekehren, sie zu Christen zu machen.“
Ich habe schlimme Beispiele für dieses Überlegenheitsgefühl messianischer Juden in Israel im Ohr. Da macht sich der Prediger in der messianisch-jüdischen Gemeinde lustig über die Bräuche am Seder Abend, bei der Juden für jede Speise auf dem Seder-Teller eine Geschichte erzählen. Die wahre Bedeutung dieser Speisen bleibe ihnen verborgen: der Hinweis auf die fünf Kreuzeswunden am Leib Jesu. Ein anderer Prediger versteigt sich in Anspielung auf die Trockenlegung der Sümpfe Palästinas durch die Zionisten zu der Aufforderung, den „Sumpf Israel“, das nicht an seinen Messias glaubt, durch offensive Mission trocken zu legen.
Die gleiche Arroganz kommt auch in den Namen zum Ausdruck, die sich manche messianischen Gemeinden in Israel gegeben haben. Die „Ernte Aschers“ heißt sie in Akko, das mitten im Gebiet des biblischen Stammes Ascher liegt. Vollmundig beanspruchen sie für sich, als messianische Juden die Ernte zu sein. Jesus hatte das Gottesreich, um dessen Kommen er zu bitten gelehrt hat, bescheiden mit der Saat verglichen. Das „Haus des Elia“ nennt sich die Gemeinde auf dem Karmel in Haifa und grenzt sich so hochmütig und Bescheid wissend von den übrigen Juden ab, die in ihren Augen offensichtlich ihre Knie vor Baal beugen.
Messianische Juden? Unter den rund fünfzig Gemeinden in Israel habe ich eine einzige kleine gefunden, die vielleicht am ehesten diesen Namen rechtfertigt. Hier trugen die Männer Kippa, hier durfte man nicht fotografieren. Hier folgte der Gottesdienst dem Sidur, dem jüdischen Gebetbuch. Hier wurde die Tora ausgehoben, umhergetragen und geküsst, hier wurden die Wochenabschnitte aus der Tora und die Haftara und ein Abschnitt aus dem Neuen Testament gelesen. Aus dem Sidur wurde gebetet mit der Schlussformel: „Das bitten wir im Namen des Messias Jeschua“.
Ich bin kein Experte in dieser Frage. Ich erzähle persönliche Erfahrungen, die keinen Anspruch auf Repräsentanz erheben. Darum bleibe ich dem Phänomen weiter auf der Spur in der Hoffnung, neben der Masse der hebräisch sprechenden Evangelikalen in Israel doch noch den einen oder anderen Messianischen Juden zu finden.

Quelle:https://stuhlmannzwischendenstuehlen.wordpress.com/2015/02/25/eher-evangelikal-als-judisch-messianisches-judentum-in-israel/

 

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