Nach mehr als 70 Jahren ………..

Nach mehr als 70 Jahren: Experten entschlüsseln Nachricht von Auschwitz-Häftling

Mehr als sieben Jahrzehnte nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz konnten Experten einen Kassiber entschlüsseln, den ein Häftling dort Ende 1944 vergraben hatte. Der Grieche war Mitglied des Sonderkommandos, das die Deutschen bei ihrer Vernichtungsarbeit unterstützen musste.

Ende Dezember 1943 verhafteten die Deutschen in Athen den damals 26-jährigen Marcel Nadjari. Der Grieche, der eigentlich aus Thessaloniki stammte, hatte Kontakte zu kommunistischen Untergrundkämpfern gegen die deutschen Besatzer und war untergetaucht. In den Augen der Nationalsozialisten war aber etwas anderes noch schlimmer: Nadjari war Jude und damit „lebensunwert“.

Der junge Mann wurde Anfang April 1944 nach Auschwitz gebracht – dem schlimmsten der deutschen Vernichtungslager. Dort wurden bei der Ankunft an der Zugrampe die kräftigen, arbeitsfähigen Männer und Frauen ausgewählt und zur Arbeit geschickt. Bei diesem Transport waren es 648 von 2500, und der junge Grieche gehörte dazu. Die anderen Menschen – Kinder, Frauen, Alte, Schwache und Kranke – wurden unverzüglich in den Gaskammern des Lagers ermordet. Auch Nadjaris Eltern und seine jüngere Schwester gehörten zu den Opfern. Sie waren schon vor seiner Ankunft in Auschwitz getötet worden.

Einberufung ins Sonderkommando

Für Marcel Nadjari hatten die Lagerbehörden eine besondere Aufgabe: Er wurde zum sogenannten Sonderkommando beordert. Dieses Kommando bestand fast ausschließlich aus Juden. Ihre Aufgabe war es, die Deutschen bei deren mörderischer Arbeit zu unterstützen – sie mussten den jüdischen Opfern die Ringe von den Fingern ziehen, die Goldzähne herausbrechen, die Haare abschneiden und die Leichen im Krematorium verbrennen.

Nach einer Weile wurden die Helfer selbst vergast, denn sie wussten zu viel über die Verbrechen im Lager. Allerdings starben nicht alle – etwa 100 von 2200 überlebten den Holocaust. Irgendwie.

Verbuddelt in der Erde von Auschwitz

Fünf der Häftlinge aus den Sonderkommandos machten Aufzeichnungen und vergruben sie in der Erde von Auschwitz. Zu ihnen gehörte auch Marcel Nadjari. Er berichtete auf 13 Blättern über das, was er sah und zu tun gezwungen war. Dann rollte er die Blätter in eine Thermoskanne, stopfte sie in eine Ledertasche und vergrub sie.

Erst 1980 wurde das Dokument zufällig wieder ausgegraben. Die Historiker, die sich damit beschäftigten, hielten eine Quelle über das unvorstellbare Grauen in Händen. Es waren Nachrichten direkt aus der Todeszone Auschwitz . Allein: Nach all den Jahren war nur noch etwa ein Zehntel des Textes lesbar. Der Rest war verschwommen oder völlig verblasst.

90 Prozent rekonstruiert

Der russische Historiker Pavel Polian, der sich seit Jahren mit den Texten der Häftlinge aus dem Sonderkommando beschäftigt, restaurierte jetzt gemeinsam mit dem ebenfalls russischen IT-Experten Alexandr Nikitaev mit modernster Computertechnik den Bericht des Griechen.

Insgesamt konnten durch eine neue Verfahrenstechnik 90 Prozent des Berichts so wieder lesbar gemacht werden. Erstmals konnte damit der Inhalt wirklich rekonstruiert werden. Darüber berichten die „Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte“, das Publikationsorgan des Münchner Instituts für Zeitgeschichte.

Nackt in der Todeskammer

Nadjaris Schilderungen sind ein Bericht des Grauens. Mit Blick auf die ungarischen Juden, die ab 1944 zur Vernichtung nach Auschwitz deportiert wurden, schrieb Nadjari: „Unsere Arbeit bestand darin, erstens sie in Empfang zu nehmen, die meisten kannten den Grund nicht … den Menschen, bei denen ich gesehen habe, dass ihr Schicksal besiegelt war, habe ich die Wahrheit gesagt. Nachdem alle nackt waren, gingen sie weiter in die Todeskammer, da drinnen hatten die Deutschen an der Decke Rohre angebracht, damit sie glauben, dass sie das Bad vorbereiteten, mit Peitschen in der Hand zwangen die Deutschen sie, immer enger zusammenzurücken, damit möglichst viele hineinpassen, eine wahre Sardinendose von Menschen, danach haben sie die Tür hermetisch verschlossen.»

Über den Ablauf der Tötungsaktionen berichtete er weiter: „Die Gasbüchsen kamen immer mit dem Auto des Deutschen Roten Kreuzes mit zwei SS-Leuten. Sie sind die Gasleute, die ihnen dann das Gas durch die Öffnungen hineingeschüttet haben. Nach einer halben Stunde öffneten wir die Türen und unsere Arbeit begann. Wir trugen die Leichen dieser unschuldigen Frauen und Kinder zum Aufzug, der sie in den Raum mit den Öfen beförderte, und dort steckten sie sie in die Öfen, wo sie verbrannten ohne Zuhilfenahme von Brennmaterial aufgrund des Fetts, das sie haben“.

Die Asche der Opfer wurde in den Fluss geworfen

Anschließend mussten die Häftlinge die Asche zerkleinern, bevor die Deutschen sie in den Fluss Sola, der nahe am Stammlager Auschwitz vorbeifloss, schütteten, um alle Spuren zu verwischen. Von jedem Menschen, so schrieb Nadjari, blieben etwa 640 Gramm Asche übrig. „Die Dramen, die meine Augen gesehen haben, sind unbeschreiblich“, schilderte er seine Eindrücke.

Nadjari schrieb seinen Text auf Griechisch. Eine Art kurze Einleitung ist daneben auch auf Jiddisch, Französisch und Deutsch verfasst. Nadjari hatte unsagbares Glück und überlebte den Holocaust als einer der wenigen Mitglieder des Sonderkommandos und als einziger der fünf Häftlinge, denen es gelungen war, eine Nachricht an die Nachwelt zu schreiben und in der Erde zu vergraben. Gerechnet hatte er damit selbst nicht, wie er schrieb: „Ich bin nicht traurig, dass ich sterben werde, wohl aber, dass ich mich nicht werde rächen können, wie ich es will.»

Der Wunsch nach Rache

Aber Marcel Nadjari hatte einen unbedingten Lebenswillen. Auch er habe viele Male daran gedacht, zusammen mit den Anderen in die Gaskammer reinzugehen, um Schluss zu machen. „Aber davon abgehalten hat mich immer die Rache; ich wollte und will leben, um den Tod von Papa und Mama zu rächen und meiner geliebten kleinen Schwester Nelli. Ich fürchte den Tod nicht, wie könnte ich ihn auch fürchten, nach all dem, was meine Augen gesehen haben?“

Nadjari  überlebte den Krieg und die Vernichtung der Juden. 1951 zog er nach New York, wo er sich eine neue Existenz aufbaute. Obwohl er bereits zwei Jahre nach dem Ende des Krieges einen Bericht über seine Zeit in Auschwitz verfasst hatte, erzählte er offenbar niemandem von dem Kassiber, den er vergraben hatte. Mit seinen Erlebnissen wurde er zeit seines Lebens nicht fertig. Er starb 1971 im Alter von nur 54 Jahren – neun Jahre, bevor sein Bericht in der Erde von Auschwitz gefunden wurde.

„Die zentralsten Dokumente des Holocaust“

Dieser Bericht und die vier anderen, die ebenfalls dort ausgegraben wurden, sind ebenso erschreckend wie wertvoll, denn sie sind höchst authentische Zeugnisse, die noch verfasst wurden, während die Autoren in Auschwitz waren. Sie sind also durch keinerlei Erinnerungslücken getrübt oder durch Verzerrungen beeinträchtigt. Der Historiker Pavel Polian nannte sie daher jetzt in einem Interview „die zentralsten Dokumente des Holocaust“.

Quellen:http://www.focus.de/wissen/videos/bericht-des-grauens-nach-mehr-als-70-jahren-experten-entschluesseln-nachricht-von-auschwitz-haeftling_id_7839198.html